Das Telefon
klingelt.
Ich hebe ab.
Hier Dr. Höhlein
sagt die mir vertraute Stimme meines Arztes.
Wir sollten uns sprechen!
Der Befund ist positiv,
das Labor hat Krebszellen gefunden.
Geht es heute um 17 Uhr?
Selbstverständlich antworte ich,
lege den Hörer auf.
Mir stellt es die Luft ab.
Krebs?!
Ein Todesurteil!?
Auf einmal ist der Himmel verschleiert,
grau in grau.
Hajö, Sonntag, 12. März 2000
Das
Krankenzimmer füllt sich mit weißen Kitteln.
Leutselig spricht der Chefarzt mich an:
Wie einer,
der vor kurzem eine Radikale[1]
hatte,
sehen Sie aber nicht aus!
Er hat recht.
Mir geht es gut.
Nur der Beutel an meiner Seite
gefüllt mit gelbbraunem Urin
und im Bauch
gelegentlich ein Zwicken oder Stechen,
erinnert an die überstandene Operation.
Und der
wendet er sich
den Satz nicht vollendend
fragend an den Stationsarzt,
der in meiner Akte blättert.
T3 B[2]
antwortet dieser kurz und knapp
mit unbewegtem Blick.
Auf einmal ist die Fröhlichkeit
aus dem Gesicht des Professors verschwunden,
macht einer ernsten Miene Platz.
Selbst die immer lächelnde Schwester
schaut betreten zur Seite,
als ich verwirrt ihr Gesicht suche.
Dann weiter so!
sagt der Professor nach einer Pause
- etwas gezwungen
wieder mit seiner alten, festen Stimme.
Der Pulk verschwindet aus dem Zimmer.
Ich bin allein.
Hajö, am Dienstag, 28. März 2000
[1] Entfernung
der Prostata
[2] Histologischer
Tumorbefund
Ein Schnitt des
Chirurgen im Bauch,
der Krebs musste heraus.
Schlaff hängt Er jetzt herunter.
Nichts mehr bewegt ihn zur Auferstehung.
Kein Streicheln, kein Schütteln, kein lockendes Weib.
Erinnerung nur noch die stramme Rute, die feuchte Scheide.
Jedoch die Schmetterlinge fliegen noch immer im Frühling.
Wie gerne würde ich sie fangen.
Statt stoßen, sanftes Berühren, Tasten, Streicheln.
Sprechen und Zuhören.
Erwacht das Weib in mir zum Leben?
Das bisher so fremd, unerklärlich und geheimnisvoll.
Ist dies das Geschenk?
Hajö, Donnerstag, 16. März 2000